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Tag 1: Plaus(I) - Balaton See(HU):

Bye Bye PlausDer Tag beginnt sehr schön, die Temperatur ist angenehm warm. Bereits seit einigen Wochen fiebere ich diesem Tag entgegen. Das Motorrad wurde gepflegt und gewartet, Packlisten abgehakt, usw. Eine solch lange Reise hatte ich noch nie vorher gemacht, deswegen war es auch schwierig, was mitnehmen und was ich zuhause lassen sollte. Die Reise nach Gibraltar war der erste Versuch, wo noch vieles nicht so gelaufen ist wie ich es mir vorgestellt hatte. Allem voran die Routenplanung. Das sollte diesmal mit TomTom und Motoplaner.de besser werden!


Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Brigitte und Carolyn geht es gegen 08.30 los. Ich will am ersten Tag bis zum Balaton See in Ungarn kommen, und das sind immerhin ca 600km. Wie so häufig in Südtirol ist auch an diesem Tag wieder sehr viel Verkehr und durch das Pustertal es geht mit Stau in beiden Richtungen sehr schleppend weiter. Nach der Grenze zu Österreich löst sich der Stau auf und ich fahre über Arnoldstein / Bleiburg nach Slovenien. Das Benzin in Österreich kostet 30 Cent weniger als in Italien. Wahnsinn!

 

 
Bei der Reiseplanung entschied ich Polen möglichst im Osten zu durchqueren. Um nicht durch Österreich mit seinen vielen Radarkontrollen fahren zu müssen, wählte ich eine Route über Slowenien und Ungarn. Aber auch um zwei Staaten mehr auf meiner Reiseroute zu haben.

PH000327Die Strassen in Slowenien sind sehr gut, die Dörfer und Städte sind schön und sauber. Es gibt keine Grenzkontrollen mehr, zwar sind noch die alten Grenzgebäude zu sehen, aber man sieht ihnen an, dass dort schon lange niemand mehr Wache geschoben hat.

Mein erstes Reiseziel ist Maribor, eine Stadt an der Drau. Ich komme dort viel zu Spät gegen 17.00 Uhr an. Wieder einmal habe ich die Fahrtdauer unterschätzt. Und das bereits am ersten Tag! Dieses Dilemma sollte mich während der ganzen Reise begleiten. Ich werde es wohl nie lernen!

In Maribor suche ich eine Tankstelle und irgendetwas zu essen. Tanken war kein Problem, aber die Futtersuche gestaltet sich schwierig, weil ich nichts finde, was mich anspricht. Also kurz die Innenstadt besucht und dann auch schon wieder weiter
 

 

In Ungarn ändert sich die Landschaft schlagartig. Die Berge werden zu Hügel, die bald darauf ganz verschwinden. Auf der Fahrt über die Landstrassen Ungarns habe ich bereits drei Rehe gesehen. Sie stehen einfach neben der Strasse. Die Städte und Ortschaften sind ärmlicher, die Strassen schlechter. Wobei es aber bei uns in Südtirol weitaus schlechtere Strassen gibt als in Ungarn!


Gegen 20.00 Uhr erreiche ich müde einen Campingplatz in Gyenesdias. Schnell eingecheckt, auch das neue Zelt ist schnell aufgebaut. Der Campingplatz ist gross und ganz nahe beim See. Das soll sich noch als Nachteil erweisen... An der Rezeption kann keiner Englisch, kein Deutsch oder Italienisch, bis nach einer halben Stunde der Junior Chef kommt, der ein wenig Englisch beherrscht.
Das Astronautenfutter von Zuhause ist der Hammer. Schon in Spanien habe ich es weggeschüttet, das selbe jetzt in Ungarn. So etwas frisst nicht mal ein ausgehungerter Hund! Heute Abend muss es auch ein Apfel tun.
Im Zelt ist es warm, ich brauche keinen Schlafsack, so heiß ist es. Müde verkrieche ich mich gegen 22.00 Uhr und schlafe lange nicht ein...

 

 


Tag 2: Kesztheli (HU) - Tarnow (PL)

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Die Nacht war nicht angenehm. Es war sehr warm im Zelt, aber noch schlimmer war der Lärm eines Rockkonzertes gleich in der Nähe. Der Balaton See ist ein beliebtes Ausflugs- und Ferienziel in Ungarn, und so ist es nicht verwunderlich, dass im August die Hölle los ist. Ich wache gegen 07.00 auf und beginne das Zelt abzubauen. Der Kaffee bei der Rezeption ist geschmacklich nicht der Renner (es gibt Milch aus der Tüte, natürlich kalt), aber der Preis ist sehr niedrig. Wo sonst gibt es einen “Cappuccino” um 90 Cent. Gestern Abend habe ich den See nicht mehr gesehen, also mache ich einen Abstecher zum See. Es ist schwierig, einen freien Zugang zu finden. Neben dem Jachthafen finde ich einen Parkplatz, aber zum See komme ich nicht, ein Zaun des angrenzenden Schwimmbades versperrt mir den Weg.
Ich kehre um und fahre Richtung Komarno, eine Grenzstadt zwischen Ungarn und Slovakei. Ungarn ist schön, wobei es aber nach Massentierhaltung stinkt. Dasselbe ist mir bereits bei der Fahrt nach Spanien aufgefallen, im Osten von Madrid sieht man riesige Ställe und es stinkt nach Schweinemist.
In Ungarn und Slovenien wird die Landschaft immer flacher, es gibt viele Getreidefelder und Wälder. Die Strassen sind in Slovienien gut.
Probleme bereitet mir nur meine Helmkamera. Die Batterie hält ca. 3 Stunden, aber das Aufladen dauert viel zu lange. Ich komme nicht mehr nach mit den Aufladen, obwohl ich insgesamt 3 Batterien habe. Das muss ich ändern.

 

Gegen Mittag bleibe ich in einem Waldstreifen zwischen den Feldern stehen. Die Felder hier sind schonabgeerntet, es ist drückend heiß unter der Motorradjacke. Ich bleibe nur kurz stehen, esse ein Brot und die letzte Kaminwurz und dann geht es bereits weiter.
Ich fahre Richtung Poprad, kurz darauf verläuft die Grenze zu Polen. Dank Schengen gibt es keine Grenzkontrollen, meistens sind die Grenzposten nicht gewartet und verfallen. Polen schaut im Osten komplett anders auch als im Westen. Während im Westen die Straßen so gut wie neu sind, sind hier im Osten die Straßen schlechter, und vor allem das Navi hat Schwierigkeiten, die richtige Strecke zu finden. Manchmal fahre ich zur Abwechslung nicht die schnellste, sondern die kürzeste Strecke. Mit dem Ergebnis daß  mich das Navi mitten im Nirgendwo eine Straße vorschlägt, die sich nach ein paar Kilometern in einen Waldweg verwandelt und als unbefahrbar herausstellt. Ich will nicht mitten im Wald umfliegen und dann schauen kann wie ich raus komme. So kehre ich vorsichtshalber um und fahre ca. 10 km in eine Himmelsrichtung, bis sich das Navi wieder auskennt und ich für heute nur mehr die schnellste Strecke nehme.
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Durch die vielen Abstecher über Landstrassen ist es schwierig, die angepeilten Kilometer pro Tag zu schaffen. Das ist schade, bei der nächsten Reise muss ich unbedingt mehr Zeit für Foto und Pausen einplanen.
Ich fahre bis Tarnów, wo ich zwischen Autobahn und Zug eine Wiese zum schlafen finde. Es wird bereits dunkel und ich muss mich beeilen, das Zelt aufzubauen. Die Mücken sind recht aktiv und ich muss schauen, dass ich beim Kochen nicht selbst zur Nahrung werde. Es gibt wieder Nudel mit Sugo. Der Benzinkocher funktioniert sehr gut, nur beim Ein und Ausschalten raucht er sehr stark. Deswegen kann man ihn nicht im Zelt verwenden.
Beim Parken ist mir mein Motorrad umgefallen. Gott sei Dank war der Untergrund weich, trotzdem hat es den rechten Koffer verbogen. Aber nichts Schlimmes.

 

 


 Tag 3: Tarnow (PL) - Alytus (LT)

PH000705Es wird gegen 5.15 hell. Ich bin bereits wach, das Zelt aussen ist nass vom nächtlichen Tau, und so warte ich bis die Sonne ein wenig herauskommt, bevor ich das Zelt zusammenpacke. Der morgentliche Kaffee ist schon was Gutes. Gegen 07.00 habe ich alles zusammengepackt und starte Richtung Lublin.

Polen ist im Osten für Motorradfahrer nicht sonderlich interessant. Es ist flach, viel Landwirtschaft und Wälder. Die kleinen Ortschaften sind langgezogen und säumen die Straßen. Es schaut aus als gibt es nur eine Häuserzeile pro Strassenseite. In Polen gehe ich auch das erste Mal shoppen. Die Supermärkte sind ganz änlich wie bei uns, eine riesige Auswahl. Nur etwas ist mir aufgefallen: Man darf nicht fotografieren. Vobei bei Lublin gehts nördlich nach Bialystok und Augustow. Es sind ärmliche Gegenden durch die ich fahre, überall stehen Verkaufsstände, wo die Bauern Obst und Gemüse verkaufen. Große Firmengelände, heruntergekommen und verwachsen zeugen vom Zeitalter des Kommunismus. An der Grenze zu Litauen fahre ich das erste Mal so richtig durch den Wald. Das klingt jetzt komisch, aber wo gibt es bei und 60km Wald ohne irgendwelche Häuser oder Infrastruktur. Nur ein Bus aus den Niederlanden hat dasselbe Ziel und so folge ich ihn über längere Zeit.

An der Grenze zu Litauen machen ich einen kurzen Stopp. Auch hier gibt es keine Kontrollen, die Zollhäuser sind geschlossen. Ich lerne ein Paar aus Turin auf einer BMW 1200GS kennen, welches bereits öfters die Baltischen Staaten bereist haben. Dieses Mal wollen sie Richtung Kurische Mehrung, Talinn waren sie schon, auch am Nordkapp waren sie 2013. Wir wünschen uns gute Reise und fahren ein Stück zusammen, bis sich unsere Wege erneut trennen.

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In Litauen komme ich das erste Mal in den Genuss der bekannten Schlaglochpisten. An einer Baustelle werde ich über eine Umleitung gelotst, die eigentlich nur aus Löchern mir ein wenig Asfalt darum besteht. Mit den beiden Koffern und vollbeladen ist es auch mit der Africa kein Vergnügen.

Gleich hinter der Grenze wähle ich die Straße östlich Richtung Alytus. Die Hauptstrassen sind gut und asfaltiert, die Nebenstrassen nicht mehr. Die meisten sind einfache Schotterpisten, einige wie Wellblech. Auf so einer Schotterpiste verheddere ich mich in einen Weidedraht, den ich mehrere Meter mitziehe, glücklicherweise bleibt es ohne Folgeschäden für mich und mein Motorrad.
Einen geeigneten Schlafplatz zu finden ist nicht einfach. Überall sind Bauernhöfe mit nicht vertrauen erweckenden Hunden, und ich möchte nicht auffallen. Nach einiger Zeit finde ich einen Platz hinter einigen Hecken auf einer Wiese. Das Zelt ist schnell aufgebaut und natürlich gibt es die allabentlichen Nudel... Die Mücken gehen schon auf die Nerven. Alles wird vom Zelt aus gemacht: Reißverschluss auf, Hände raus, Nudel rein, Hände rein, Reißverschluss zu.

 


Tag 4: Alytus (LT) - Tallinn (EST)

PH000098Der Tag beginnt früh. Das Wetter ist wunderschön, keine Wolken am Himmel. Ich starte gegen 07.00 gegen Osten. Alle Nebenstrassen sind geschottert, aber sehr gut zu fahren. Es geht Richtung Riga, um dann östlich nach Sigulde zu fahren. Die Dörfer sind änlich wie in Polen, langgezogene Siedlungen neben den Straßen. Interessant ist die Beschilderung: Jedes noch so kleine Sehenswürdigkeit wird kilometerweit im Voraus angezeigt. Bei einem Museum mache ich Halt. Es ist Mittag, doch es ist geschlossen und niemand ist zu sehen. Das Museum, ein Bauernhof, ist sehr gepflegt, ein schöner Park mit Spielplatz ist davor. Ich packe unter einem Baum mein Mittagessen aus und betrachte die Schilder. Leider kann ich sie nicht entziffern, das meiste ist nur in Litauisch geschrieben. Durch die Hitze ist der Käse geschmolzen und auch die die Wurst schaut alles andere als appetitlich aus. Eine Familie kommt zum Spielen vorbei, ein paar Feldarbeiter kreuzen meinen Weg, aber mehr als ein freundliches Lächeln gibt es nicht. Sie können nicht englisch, und ich nicht ihre Sprache.
Immer wieder begegne ich russische Fahrzeuge und riesige SUV’s, wie man sie bei uns auch nur selten sieht. Die Landschaft ist flach, es giebt riesige Felder und Wälder. Viele Häuser sind gepflegt und einladend, andere wiederum ärmlich und heruntergekommen. Die Häuser in den Städten gleichen Plattenbauten, wie man sie von Dokumentationen über den Kommunismus kennt. Aber nirgends habe ich wirklich sehr alte und renovierungsbedürftige Gebäude gesehen. Vor Riga fahre ich um einen riesigen Stausee herum, die Strasse verläuft direkt auf der Staumauer. Es ist nicht so wie bei uns, wo ein Tal aufgestaut wird, sondern hier wurde um einen Fluss herum eine Staumauer gebaut.

Bei Riga fahre ich östlich Richtung Sigulde und Valga. Ich bin auf der Suche nach einem See auf der Landkarte, aber als ich dort bin ist ausser Felder und Wälder nichts zu sehen. Frustriert fahre ich bei Vörtsjärv nach Nordwesten. Die Sonne steht bereits tief als ich doch noch am See vorbeifahre. Es ist ein grosser See, doch nur wenige Strassen führen direkt zum Ufer. Und so fahre ich weiter, denn ich will heute noch nach Talinn kommen, morgen geht die Fähre nach Helsinki.
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Die restlichen Kilometer geht es nur mehr geradeaus Richtung Westen, auf einer Tankstelle mache ich halt und tanke. Am Abend erreiche ich Tallinn. Wenn man bei uns von Camping spricht meint man eigentlich einen Platz im Grünen mit Schwimmbad, Duschen usw. Ich finde den Campingplatz nur nach langem Suchen, denn eigentlich ist er nur ein Hinterhof eines Supermarkets an der Küstenhauptstraße, wo  man auf Asfalt und rund um den Bäumen zelten bzw. das Auto stehen lassen kann. Der ganze Komfort besteht aus einer Rezeption mit Duschen und WC’s, Wlan im Eingangsbereich und fertig. Aber das ist mir genug. Ich bin nur eine Nacht hier, essen gehe ich heute aus, und die Duschen sind sauber und beheizt. Mehr brauche ich nicht.
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Ich baue das Zelt auf und begebe mich auf die Suche nach einem Restaurant um eine Kleinigkeit zu essen. Entlang der Küstenstraße flanieren in den Abendstunden die Touristen, und Einheimische fahren ihren Nobelschlitten aus. Gleich in der Nähe ist das Olympiazentrum mit einem großem Park davor. Um nicht ganz die Orientierung zu verlieren bleibe ich auf der Hauptstrasse und finde außer einer heruntergekommenen Frittenbude nur ein relativ gehobenes Restaurant. Nächsten Tag am Morgen geht die Fähre, und ich will noch die Innenstadt anschauen. Nachdem ich die Emails gecheckt und beantwortet habe verkrieche ich mich gegen 23.00 in mein Zelt.

Tag 5: Tallinn (EST) - Juensuu (FIN)

 5CP2638Na super, der Tag beginnt ja perfekt. Es regnet, blitzt und donnert. Das Zelt ist nicht komplett nass, vorausschauend  habe ich es unter einem Baum aufgestellt. Wind kommt auf und es schaut nicht nach Besserung aus. Ich will noch einkaufen und in die Innenstadt fahren. Doch mit diesem Wetter wird das nichts. Ich warte bis der Regen nachlässt und packe schnell meine Sachen zusammen. Bis zum Fährhafen sind es nur ein paar Kilometer und ich habe noch 3 Stunden Zeit. Die Besichtigung der Innenstadt lasse ich aus. Es ist nicht angenehm bei Regen durch die Strassen zu gehen.
Während der Fahrt zum Supermarket und dann zum Hafen regnet es immer wieder, die Stimmung ist getrübt. Im Supermarket kaufe ich mir Proviant für die nächsten Tage. Hier in Tallinn sind die Preise sicher günstiger als in Finnland. Der Laden ist sehr groß, man gekommt so gut wie alles. Die Leute sind freundlich, auch wenn ich sie und sie mich nicht verstehen. Meine beiden Koffer sind gerammelt voll, ich habe viel zu viel eingekauft. Die Wechselwäsche hätte ich mir sparen können, auch die normalen Schuhe. Schade daß die Zeit nicht für mehr Besichtigungen und Kontakte fehlt.

Das  Reisen ist auch ein Lernprozess, und ich muss noch viel lernen. Gegen 10.30 bin ich beim Hafen und es öffnen auch gleich die Tore. Motorradfahrer werden beforzugt behandelt und so komme ich schnell zur Auffahrrampe. Die Fähre ist noch nicht da, dafür aber bereits mehrere Motorradfahrer. Ich lerne ein Paar aus England kennen, das von England uber Frankreich gefahren ist, um in Helsinki ein paar Tage zu verbringen. Die Frau fliegt dann wieder heim und er zum Nordkapp. Die beiden haben eine KTM und er macht keinen Heel draus, daß er gerne schnell und riskant fährt. Nichts für mich. Ich lerne auch eine Motorrad Fahrerin aus Oulu kennen, die immer alleine unterwegs ist.
 5CP2673Die Fähre kommt pünktlich an und wir warten dass sie die Fahrzeuge entladen. Das kann bei dieser Größe etwas dauern, wie ich bemerke. Aber als Erster kommt ein rundlicher Radtourist, mit Zigarette im Mund. Nach geschätzten 70 LKW’s und 200 Autos darf ich endlich in den Bauch des Ungetüms. Es kommt Hektik auf, jeder will der Erste sein! Die Motorräder werden immer bevorzugt behandelt, und so bekomme ich auf der 2. Ladeebene am Rand einen Platz zugewiesen. Das Sichern des Motorrades mit Spanngurte ist keine große Sache, es geht schnell und reibungslos. Wieder stellt sich mir dir die Frage, was lasse ich auf dem Motorrad und was nehme ich mit auf das Deck. Ich nehme nur das wichtigste mit: Camera, elektronische Geräte und Dokumente/Geldtasche. Hoffentlich kann ich irgendwo die Batterien der Kameras aufladen, sicherheitshalber nehme ich die Ladegeräte auch mit. Die Fähre ist groß, 3 Ladeflächen für LKW und Autos und 4 Ebenen für die Passagiere. Das offene Deck ist ganz oben, es sind Stühle, Bänke und Windschutzwände aufgebaut. Ich versuche einige Fotos von Tallinn zu machen, aber sie werden nicht so wie ich es mir vorstelle. Der Hafen ist im Weg und die Stadt zu weit entfernt. Nur im Hintergrund erahne ich die Altstadt. Neben der Fähre ankern auch noch andere große Fähren. Wir legen bald ab und schon gehts Richtung Norden. Das erste Mal auf dieser Reise habe ich wirklich ein Gefühl von Starten, vom loslassen, dass ich nicht einfach umkehren und zurückfahren kann. Es kommt mir vor als ob ich nun auf eine Insel fahre, obwohl Finnland ja immer noch Festland ist, ich fahre nach Norden und kann nicht zurück. Ein Gefühl der Freude und der Trauer kommt auf: Freude, dass ich dieses Abenteuer erleben kann, Trauer, dass ich es alleine erlebe.

Es dauert eine Weile, bis ich mich auf dem Schiff zurechtgefunden habe. Ich möchte eine Kleinigkeit essen, aber es gibt in den gefühlten 30 Restaurants entweder nur fleischiges oder nur fettiges. Ich entscheide mich für einen Veggie Burger und bekomme als Erstes einen Piepser, der mir mitteilt, wann ich den Burger abholen kann. Sehr geschickt, so warten nicht 10 Personen gleichzeitig an der Futterausgabe.
Nach 2-3 Stunden erreichen wir den Hafen von Helsinki. Bereits von Weitem sind die alten Gebäude der Innenstadt zu sehen und direkt vor dem Hafen liegt eine kleine Insel mit Holzhaus und Boot davor.
 5CP2676Das Ausladen geht schnell. Ich fahre durch den Zoll (niemand kontrolliert) und Richtung Innenstadt. Ich beschließe nicht weit zu gehen: es gefällt mir nicht mein Motorrad so ganz unbeaufsichtigt zu lassen. Zelt, Schlafsack, Kleidung usw. sind sehr einfach zu stehen und natürlich stellt sich wieder die Frage: wohin mit dem Zeug... Zumindest den Tankrucksack kann ich wie eine Umhängetasche verwenden.

Leider finde ich kein WLan, und so checke ich schnell die Emails auf der Strasse. Die üblichen Arbeits - Emails, aber auch eines, das mir die nächsten Stunden Kopfschmerzen bereitet: Wasseneinbruch in der Nachbarwohnung in Marling. Scheisse. Ich rufe Brigitte an und bitte sie, einen Hydrauliker zu organisieren und mit dem Mieter einen Termin ausmachen. Es klappt auch, doch die Lust, Helsinki zu entdecken, ist futsch. Ich mach ein paar Fotos und gehe zurück zum Motorrad.
Es geht Richtung Lahti, raus aus der Stadt. Das gestaltet sich nicht so einfach, denn es wie fast überall Stau. Sobald ich Helsinki hinter mir gelassen habe ändert sich die Landschaft: Wälder und Wasser wechseln sich gegenseitig ab, Städte / Ortschaften werden weniger. Nach 100 km bin ich im Nirgendwo, rechts und links nur Wald, Wasser oder hie und da eine Siedlung.
PH000519Gegen 16.00 neigt sich der Benzin dem Ende zu und ich sollte nach einer Tankstelle Ausschau halten. Die nächste Siedlung ist 30km entfernt, der vorhandene Benzin reicht noch für 150km. Das geht sich aus. Es kommt auch die Siedlung, doch mehr als Ortsschild, 3 Häuser im Wald und Ortsende-Schild gibt es nicht. Nun gut. In 15 Kilomter ist die nächste Siedlung. Dieses Spiel geht so 2 Stunden, bis mein Motorrad fast ohne Benzin ist und ich auf dem Zahnfleisch. Ich bleibe am Strassenrand stehen und suche im Navi die nächste Tankstelle: 7 km, das muss sich ausgehen. Sonst bleibe ich hängen und muss schauen wie ich zum Benzin komme. Und tatsächlich: nach 7 Kilometer die alles erlösende Tankstelle und sogar noch offen. Ab 18.00 Uhr ist Self Service und ich weiss nicht ob ich mit Bargeld oder  Kreditkarte bezahlen kann. Das Tankstellennetz in Finnland ist zwar gut, aber man tut gut,nicht bis zum letzten Drücker zu warten: es könnte sehr gut sein daß man stehen bleibt. Und das mittem im Nirgendwo.
Gegen 20.00 Uhr bin ich müde und suche mir einen Schlafplatz. Überall wo eine Strasse hinführt stehen Häuser  (irgendwie logisch), oder es ist einfach nur Wald und ich will nicht reinfahren. Bei einem aufgelassenen Hof werde ich endlich fündig: Bei der Scheune ist der Dachboden offen und ich stelle das Zelt im Dachgeschoss auf. Sogar mit Tisch und Stuhl. Ein wahrer Luxus! Während ich koche bekommen die Mücken auch ihr Abendessen und so krieche ich so schnell wie möglich ins Zelt.

Tag 6: Joensuu(FIN) -> Korvala(FIN)

 5CP2797Ich habe sehr gut geschlafen. Gegen 7.00 mache ich mich auf dem Weg Richtung Norden. Es ist angenehm frisch, in der Nacht hat es geregnet, die Straße ist noch naß.
Plötzlich schießt es mir durch den Kopf: Sind die Deckel der Seitenkoffer geschlossen? Ich taste zurück und greife links ins Leere. Scheiße! Also das war das metallische Geräuch das ich gleich nach dem Start gehört hatte. Alle möglichen Lösungen gehen mir durch den Kopf während ich die 25 km zurückfahre. Hoffentlich finde ich die richtige Seitenstraße wieder. Und tatsächlich, durchgeschwitzt finde ich den Deckel, er ist zerbeult, aber mit gutem Willen und einem Stein klopfe ich ihn wieder zurecht. Ein freundlicher Autofahrer hat ihn von der Strasse aufgelesen, auf einen Stein gestellt und somit Schlimmeres verhindert.

Es geht Richtung Rovaniemi, die Strassen sind ideal zum fahren: im Osten sind die meisten Strassen nur mehr Schotterpisten. Es ist schön die Pisten zu befahren, durch die Holztransporte sind sie sehr fest. Mein nächstes Ziel ist Hattuvaara, ich möchte zum östlichsten Punkt der EU. Das gestaltet sich schwieriger als es klingt: Es gibt keine Schilder, und mein Navi kennt die Straßen nicht mehr. Ich fahre so weit es geht nach Osten, bis ich nicht mehr weiterkomme, bzw. der Waldweg Richtung Süden abdreht. Dorthin will ich eigentlich nicht mehr.

Ich kehre um und fahre Richtung Nurmes, Kuhmo und Hyrnsalmi, wo ich bei einem See Pause mache. Wie immer versuche ich so gut es geht die Helmkamera zu laden. Nach kurzer Pause geht es weiter, zumindest für 300 Meter, bis sich die Helmkamera von der Halterung löst und ich sie bei voller Fahrt verliere. So ein Mist. Ich kehre um und sammle die einzelnen Teile ein. Sie ist auf der Seite ein wenig zerkratzt, aber scheint noch zu funktionieren. Die Linse hat keinen Kratzer abbekommen, vielleich habe ich wieder Glück. Aber meine Stimmung ist geknickt und ich mache die restliche Zeit keine Fotos mehr. Zu gross ist die Angst dass ich sie wieder verliere.

In Rovaniemi (es regnet immer wieder leicht) mache ich halt und kaufe in einem Supermarket und im Santa Claus Haus Postkarten und Futter ein. Das Santa Claus Haus ist wie ein kleiner Vergnügungspark und ziemlich kitschig. Ausser mir und ein Paar aus Italien (irgendwie komme ich immer wieder zu Italiener) ist niemand mehr dort. Im Haus gibt es 2 Postkästen für die Postkarten: eines für sofort und ein zweites für die Zustellung zu Weihnachten. Beim Santa Claus Zentrum verläuft auch der Polarkreis. Und wie angefordert erscheint für kurze Zeit ein wunderschöner Regenbogen über den Parkplatz. Nicht ohne Stolz, es soweit geschafft zu haben fahre ich weiter!

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Heute fahre ich nicht mehr weit, nach 60km und bei Korvala suche ich mir ein Plätzchen zum Schlafen direkt hinter einem alten verlassenen Haus. Der Zeltplatz heute ist nicht so wettergeschützt wie gestern. Während ich das Zelt aufstelle beginnt es bereits zu regnen und die Mücken wetzen die Messer, äh Rüssel. Eingepackt wie ein Austronaut mit Handschuhen, Buff und Helm mit geschlossenen Visier baue ich das Zelt auf. Auf dem Helm machen sich duzende Mücken gemütlich und warten nur auf den richtigen Zeitpunkt, um sich über mich her zu machen. Aber ich halte durch und obwohl ich schwitze wie in einer Saune schaffen es nur 2 mich zu stechen. Über das Zelt und das Motorrad spanne ich eine Plane, um alles so gut wie möglich, trocken zu halten.
Gekocht wird wie in einem Labor für biologische Kampfstoffe: der Kocher steht im Vorzelt, den Reißverschluß des zeltes so wenig wie möglich öffnen und die Hände rausstrecken. Und auch das wirklich nur für Sekunden, denn ich werde von Mücken belagert wie Troja. Ja nirgends anlehnen, denn die Bister beissen auch durch das Fliegennetz!

 


Tag 7: Korvala(FIN) -> Olderfjord(NOR)

PH000772Die Nacht hat es immer wieder geregnet. Unter der Plane warten bereits die Mücken auf mich. Das Abbauen des Zeltes wird zum Wettbewerb: ich gegen die Mücken. Gestern war es noch 2:0 für die Mücken, diesmal gewinne ich, keine Mücke stickt mich. Nach einer Woche geht das Auf- und Abbauen des Zeltes wie geschnürt. In maximal 10 Minuten ist das Zelt auf- bzw. abgebaut, bezugsfertig. Das 2 Mann Zelt ist ganz schön voll: Koffertaschen, Tankrucksack, Kleidersack, Schlafsack, Isomatte, Kochutensilien usw. müssen verstaut werden. Und ich sollte auch noch Platz haben.
Es geht auf schönen Schotterpisten weiter nach Unari und Sodankylä. Bei Sodankylä komme ich wieder auf die Hauptstrasse und fahre Richtung Ivalo. Bis hier ist die Landschaft sehr grün in grün: Wald links und rechts, hinter mir, vor mir, manchmal unterbrochen durch ein wenig Wasser, ansonsten alle möglichen Grüntöne: hohe Bäume, niedere Bäume, Laubbäume, Nadelbäume. Dazwischen die Strasse, die meistens geradeaus verläuft und nur das leichte Auf und Ab etwas Abwechsung bringt. Seit Helsinki habe ich ausser Wald und Wasser nicht viel anderes gesehen. So langsam könnte ich die Landschaft schon ändern. So gern ich Wald und Bäume habe, aber 4 Tage nur Wald ist schon etwas eintönig.

 

Erst ab Ivalo wird die Landschaft anders. Die Wälder werden lichter, die Bäume keiner und die Seen größer. Das Wetter ist gnädig mit mir, es regnet nur hie und da. Ansonsten lacht die Sonne vom Himmel. Beim Motorrad fahren merkt man, wie das Gemüt vom Wetter abhängt: schönes Wetter, alles perfekt, super Tag. Schlechtes Wetter, so ein Scheiss, wiso tu ich mir das nur an...

Nach Ivalo drehe ich nach Westen ab, auf nach Norwegen! Bei der Grenze Finnland / Norwegen feiere ich den Moment mit einem Rentierburger. Schmeckt lecker, hat etwas von Wild, und gesund ist er sicher auch. Ich plaudere ein wenig mit der Kellnerin und erfahre, dass Finnisch nichts mit den anderen nordischen Sprachen zu tun hat. Es ist eher mit dem Ungarischem verwandt. 5CP2828
 5CP2824Es geht wieder nach Norden, Richtung Nordkapp. Mir kommen fast die Tränen in den Augen, als ich das erste Mal Nordkapp auf einem Verkehrsschild sehe. Noch 300km. Das sollte heute machbar sein. Dunkel wird es nicht mehr, je weiter nördlich ich jetzt fahre um so länger wird der Tag. Über dem Polarkreis wird die Nacht zur Dämmerung. Die Landschaft hat sich geändert: statt Wälder sind nur mehr kleine Bäumchen und Wasser zu sehen. Riesige Gebiete sind nur mehr Weideland, und immer wieder kommt man zu Verladestationen für Rentiere. Ich habe schon etwas gebraucht um zu verstehen was das ist. Ohne LKW schaut es aus wie eine Sprungschanze. Bei einer kurzen Rast in einer alten Goldgräbersiedlung lerne ich einen älteren Herrn aus Lübeck kennen. Er ist alleine mit seinem Camper seit 6 Wochen unterwegs. Manchmal macht er 100km, manchmal auch nur 10km am Tag: er hat ja Zeit. Er fuhr lange Zeit auf See und für eine Beziehung hat die Zeit nicht gereicht. Ich schenke ihm meine baltische Strassenkarte und wir verabschieden uns.

Nach einigen Kilometern  komme ich an einem Hügel vorbei, auf der Spitze steht ein Haus. Die Verkehrsschilder weisen auf etwas sehr wichtigen hin, das muss ich mir ansehen. Die 50  Höhenmeter sind schnell geschafft. Oben angekommen hauts mich von den Socken: 3 Skilifte überwinden die 50 Meter, das Haus ist eine Bar im Stile einer Alm. Daneben steht ein Aussichtsturm, von wo aus man einen wahnsinnigen Rundblick auf die Landschaft hat. Erst jetzt erkenne ich die Dimensionen. So weit das Auge nur Wildniss, keine Strassen, kein Haus, nichts. Solche Türme dienten in frühreren Jahren den Landvermessern, um mit trigonometrischen Berechnungen die Landschaft zu vermessen. 5CP2811


 5CP2832Das Wetter is wechselhaft als ich in Olderfjord ankomme. Immer wieder regnet es und es ist merklich kälter geworden. Olderfjord ist die Ortschaft am Beginn der 100 km langen Halbinsel, auf der das  Nordkapp liegt. Im örtlichen Camping Patz miete ich eine Hütte. Andere Reisende haben mir empfohlen, die Unterkunft vorab zu reservieren, denn am Abend kann es schwierig werden, etwas zu finden. Heute brauche ich mal eine warme Unterkunft und eine Dusche, das Zelt ist naß und ich möchte trotzdem noch ans Nordkapp. Die letzten 100 km verlaufen immer der Küste entlang und sind landschaftlich und fahrtechnisch wunderschön, wenn der Seitenwind nicht so stark wehen würde. Ich habe eine ziemliche Schräglage, obwohl ich gerade aus fahre. Durch die Recherchen im Internet weiß ich dass es hier einen 8km langen Tunnel gibt. Er verbindet die Nordkapp Insel mit dem Festland und führt bis 150 Meter unter den Meeresspiegel: 4 km geht’s runter, 4 km wieder rauf. Fertig. Und trotzdem ist es ein Abenteuer durchzufahren: die Beleuchtung spärlich, am Scheitelpunkt unten nebelig. Ich möchte nicht mit den Fahrrad oder zu Fuss hier durch, aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Nach 8 km spuckt er mich wieder aus und ich bin noch 30km von meinem Ziel entfernt. Die Straße verläuft nun nicht mehr an der Küste, sondern im Innenland. Der Wind bläst immer noch stark, und es ist teilweise so nebelig, dass man kaum 20 Meter sieht. Ansonsten schaut es aus wie bei uns auf 2500m. Es gibt keine Bäume mehr, nur Weiden und Felsen.
Ich fahre bei Honningsvag vorbei und komme gegen 18.00 endlich am Nordkapp an. Bevor ich aber ins Nordkapp Haus komme muss ich durch die Maustelle für den Parkplatz. Auch zu dieser Tageszeit beträgt der Preis stolze 15 Euro. Es nieselt leicht und ich verkrieche mich in die Nordkapp Halle. Eigentlich ist es nichts anderes wie ein großes Hotel mit Souvenierladen. Ich besorge mir etwas zu essen, Postkarten, ein paar Souveniers und schreibe sie während ich auf besseres Wetter warte. Und tatsächlich: nach einiger Zeit klart es auf und der Wind lässt nach. Ich schlendere über die Hochfläche und mache einige Fotos zur Erinnerung. Nach 2 Stunden verlasse ich wieder den nördlichsten Punkt und fahre zurück nach Olderfjord, wo mich eine warme Hütte erwartet. Ab jetzt geht es wieder südwärts, nach Hause.

 

 


Tag 8: Olderfjord(NOR) - Andenes(NOR)

PH000424Die Nacht ist vorbei, zumindest auf der Uhr, denn es wird ja nicht dunkel. Die innere Uhr kommt ganz schön aus dem Takt, wenn statt Dunkelheit nur eine kurze Dämmerung den Tag unterbricht. Neben mir haben einige Norweger die ganze Nacht durchgefeiert, auch nicht zwecks Erholung förderlich. Diesselben pöbeln mich am Morgen auch noch in der Rezeption an. Einer möchte wissen zu welcher italienischen Fußballmannschaft ich halte. Ich gehe auf die Diskussion mit dem sichtlich Betrunkenen nicht ein und mache mich auf dem Weg Richtung Vesteralen.

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Die Landschaft ist traumhaft, genau so wie man sich Norwegen vorstellt. Die Strasse schlängelt sich der Küste entlang von Fjord zu Fjord und überwindet leichte Bergrücken in Spitzkehren. Immer wieder unberührte Natur so weit das Auge reicht. So unterschiedlich die Landschaft ist auch das Wetter. Mal scheint die Sonne, mal regnet es leicht. Aber nie so daß ich den Regenanzug anziehen müsste. Es geht Richtung Südwesten auf die Finnsnes Halbinsel.

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Bei Gryllefjord habe ich eine Fähre gefunden, die mich nach Andenes bringen wird.
Kleine Sträßchen winden sich bergauf- bergab die Fjorde entlang. Sie sind teilweise so eng, dass 2 Autos nicht vorbeikommen. Ich kann die Kurven genießen, es ist wenig Verkehr. Gegen 17.30 komme ich in Gryllefyord an. Von der Fähre noch keine Spur, sie startet aber auch erst um 19.00. Mit mir wartet eine Familie mit Auto und ein Pärchen mit Motorrad aus Deutschland. Alle wollen sie nach Andenes, und so vertreiben wir uns die Zeit dem Austausch von Erfahrungen. Ben und Alisha kommen aus der Nähe von Regensburg und sind mit einer alten BMW GS unterwegs. Pünktlich gegen 19.00 kommt die Fähre und wir verladen unsere Fahrzeuge. Die Fahrt dauert ca. 2 Stunden und ist landschaftlich wunderschön. Die Sonne geht nicht unter und taucht das Meer auf der einen, die Berge der Versteralen in ein warmes, der Versteralen und ein mystisches Licht.

Beim Abladen der BMW passiert dem Angestellten der Fähre ein Missgeschick: er öffnet den Spanngurt auf der Seite des Seitenständers, und so kippt die vollbeladene Maschine um und schrammt teilweise die Schiffswand. Es schaut am Anfang schlimmer aus wie es ist. Die Machine läuft, und nach einer Runde auf dem Parkplatz gibt Ben Entwarnung. Sie fahren gleich auf dem Campingplatz in Andenes.
Ich möchte schauen ob ich eine Hütte finde. Es ist angenehm frisch und ich sehne mich nach einem richtigen Bett. Doch die Preise sind mir viel zu hoch (60€ pro Nacht), und so treffe ich Ben und Alisha wieder auf dem Campingplatz direkt am Strand. Die Aussicht ist ein Hammer. Direkt vor meinem Zelt beginnt der Sandstrand, und vor der Küste sind ein paar kleine runde Felseninseln. Endlich bin ich auch im Kopf angekommen, für diesen Ausblick hat sich die ganze Fahrt gelohnt!
Die Ausstattung des Campingplatzes ist eher spartanisch: es gibt ein Haus mit Rezeption, Küchen Aufenthaltsraum und ein kleines Häuschen mit Duschen und Trockenraum. Den verwende ich auch gleich, denn es wird Zeit für Wäsche. Morgen möchte ich Andoya erkunden, übermorgen habe ich die Walsafari gebucht. Auf die freue ich mich ganz besonders.

 


 

Tag 9: Andenes(NOR)

 5CP2984Der Tag beginnt bewölkt. Ich frühstücke und mache mich auf nach Bleik, um die Insel ein wenig zu erkunden. Die Fahrt Richtung Süden bringt mich einer Regenfront immer näher, bis ich miten drin bin und es sehr startk regnet. Weil mir nichts anderes übrig bleibt drehe ich um und überlege mir, ob ich die Walsafari nicht auf heute verschieben könnte.
Ich fahre also zurück nach Andenes ins Walsafari Büro und werde überrascht: ja kein Problem, ich kann wenn ich will gleich starten, die Museumsführung um 12.00 ist gerade losgegangen, ich kann mich dazuschwindeln. Kosten fürs Umbuchen: nichts. Ich gebe ihnen eine Sack Müll, den ich auf der Strasse aufgesammelt habe. Als Gegenleistung darf ich meinen Tankrucksack und Helm im ihrem Lager lassen. Die Museumsführung ist sehr interessant. Andenes war früher eine Walfangstation, und das Museum eigentlich eine ausgediente Walfabrik, wo die Wale verarbeitet wurden. Die Führung wird von Meeresbiologie- Studenten gemacht, die dem Sommer über unentgeltlich im Museum mitarbeiten und dafür auf die Safaris mitgenommen werden. Dadurch profitieren beide Seiten davon.
Hier der Link zur Homepage: http://www.whalesafari.no/
 5CP2916Ich treffe auch Ben, Alisha und die Familie wieder, so ein Zufall. Wir hören viel über Pottwale, über das Problem des Plastiks im Meer und sehen zum Schluss das Skelett eines Pottwales. Die Größe ist überwältigend, ich hätte mir nie gedacht dass Pottwale so gross sind. Allein der Kopf macht fast die Hälfte es ganzen Körpers aus!
Um 13.00 ist die Führung zu Ende und wir gehen auf das Boot. Es ist ein altes Boot der Küstenwache, mit allen Schikanen, was ein hochseetaugliches Boot braucht. Inklusive wasserdichten Türen und Lufteinlässen für die Motoren.

In 10 Minuten wird uns erklärt was uns erwartet, dass es heute wahrscheinlich recht ungemütlich wird, und wir sollten nach dem Briefing gleich nach oben an Deck gehen. Ich ahne Schlimmes und frage vorsichtshalber um ein Mittel gegen Übelkeit. Das einzige was ich bekomme ist eine Pfefferminz Tablette. Nun gut. Es geht eine Stunde aufs offene Meer hinaus. Die Berge der Versteralen verschwinden langsam am Horizont bis wir in alle Richtungen nur mehr Wasser sehen. Als wir stoppen und Ausschau nach Walen halten wird mir schon ein wenig schlecht. Das fängt ja gut an! Bisher trafen die Wellen das Boot nur am Bug von vorne. Das geht ja noch, an das ständige Hoch und Runter habe ich mich gewöhnt. Aber nun treffen sie uns auch seitlich. Das ist nicht mehr lustig, denn wenn es vorher 3 Meter nach oben und unten gegangen ist, geht es jetzt von links nach rechts. Von den insgesamt 35 Personen sind nur mehr 15 auf dem Deck. Die anderen füttern bereits die Fische oder sitzen auf den Stufen. Je nach Gesichtsfarbe erkennt man den Grad der Seekrankheit, und einige schauen gar nicht mehr gut aus.

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Es dauert nicht lange und neben uns taucht der erste Pottwal auf. Wir nähern uns langsam bis auf 50 Meter, um die Wale nicht zu stören. Für die Wale ist hier oben Freß- und Erholungsgebiet und deswegen sehen wir nur einen kleinen Teil des Rückens und hören das Atmen. Aber bereits das ist beeindruckend. Pottwale bleiben ca. 15 Minuten an der Oberfläche um sie auszuruhen, bevor sie wieder bis zu 1500 Meter abtauchen. Nach kurzer Zeit taucht er ab und zeigt und seine große Flosse. Das sind wirklich majestätische Tiere! Wir kreisen 2 Stunden auf dem Meer und sehen insgesamt mehr als 7 Tiere.
Gegen 16.00 müssen wir wieder den Hafen anpeilen, die nächste Gruppe wartet bereits. Zum Schluß sind wir nur mehr zu 10 auf dem Deck, alle anderen hat der Seegang arg zugesetzt. Außer mir sind noch 3 Schweizer, Ben und einige Russen standhaft geblieben. Wie ich das geschafft habe bleibt mir ein Rätsel.
Am Abend setze ich mich mit Ben und Alisha zusammen und ich koche mir Nudel mit original italienischen Pesto. Im einzigen Supermarket in Andenes habe ich ein Glas Barilla Pesto gefunden.
Die Lofoten und Vesteralen sind ein Paradies für Wanderer, Radfahrer und alle, die gerne in der Natur unterwegs sind. Mit Sicherheit ist es nicht das letze Mal dass ich hier oben war!

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Tag 10: Andenes(NOR) - Frauke(NOR)

 5CP3061Der Tag beginnt früh. Ich möchte heute mindestens bis Moskenes am unteren Ende der Lofoten fahren. Von dort geht eine Fähre rüber auf das Festland. Ich habe mich gestern von Ben und Alisha verabschiedet und packe nach dem Frühstück im Aufenthaltsraum meine Sachen zusammen. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Es ist angenehm frisch und die Sonne steigt bereits hinter dem Horizont hoch. Im Sommer wird es hier nicht dunkel, der Tag wird nur durch eine leichte Dämmerung unterbrochen.


Die Lofoten sind schroffer und wilder als die Vesteralen. Die vielen Berge reichen bis zum Meeresspiegel, auf den Gipfeln liegt mancherorts noch Schnee. Man kann die Landschaft mit den alpenländischen Hochtälern vergleichen, nur auf Meereshöhe. Die Vegetation beschränkt sich auf Sträucher und Weiden, das erste Mal seit langen sehe ich wieder Schafe und nicht nur Rentiere. Von Andenes bis Moskenes sind es ca. 300km. Es sind die schönsten 300km der ganzen Reise. Die Strasse windet sich der Küste entlang, immer nach Süden, einmal auf der rechten Seite, dann wieder auf der linken Seite der Inseln. Kleine Hafendörfer wechseln sich mit unberührter Natur ab. Die rote Farbe der Häuser ist allgegenwärtig und fügt sich wunderbar in das saftige Grün der Wiesen ein.PH000025

 

Kurz vor Moskenes kreuzt ein Wickinger Boot meinen Weg. Mit vollen Segeln durchquert es einen Fjord.
Bei Moskenes habe ich Glück: in einer halben Stunde startet eine Fähre Richtung Festland und ich beschließe nun doch auf das Festland zu wechseln. So schön die Fahrt auf den Lofoten ist, es sind noch viele Kilometer bis Stockholm und ich möchte nicht zu spät in Stockholm ankommen. Brigitte und Carolyn kommen mit den Flugzeug hoch. Abschied nehmen von den Lofoten fällt mir schwer. Noch nie habe ich so eine schöne Natur ausserhalb Südtirol gesehen. Der Kontrast aus schneebedeckten Bergen, saftig grünen Wiesen und das Meer ist einzigartig und zieht mich voll in seinem Bann! Ich komme sicher wieder!

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Die Fahrt mit der Fähre dauert mehr als 3 Stunden. Ich wechsle zwischen Deck und Aufenthaltsraum hin und her. Im Freien halte ich mich nicht lange auf, denn es stört der starke Geruch nach Schiffsdiesel. Ich bin müde uns so suche ich mir einen Sitzplatz und döse vor mich hin. Wir fahren an Felsinseln mit kleinen Buchten und Segelboote vorbei. Nach einer ruhigen Fahrt kommen wir in Bodö an, eine größere Stadt und der nördlichste Punkt ist, den man mit der Eisenbahn in Norwegen erreichen kann. Ich nehme mir nicht die Zeit, die Stadt anzuschauen. Ich will weiter.

Bei Frauke, ca. 70km östlich von Bodö, suche ich mir einen Campingplatz. Das Wetter hat umgeschlagen, es tröpfelt und ich habe keine Lust, irgendwo wild zu zelten. An einem Hügel finde ich einen kleinen Campingplatz mit Küche und Sanitäranlagen. Mehr brauche ich nicht. Die Küchen habe ich auf dieser Reise lieb gewonnen. Auch wenn es abenteuerlicher klingt, vor dem Zelt mit dem Benzinkocher zu kochen, es geht nicht über einen Stuhl und einen Tisch, wo man sich setzen kann und den Tag ausklingen lassen kann. Vor allem wenn das Wetter schlecht, die Mückel plagen und die Stimmung gedrückt ist.
Auf dem selben Camping Platz übernachten auch 3 italienische Motorrad Fahrer, die mich seit Andenes verfolgen. Sie sind viel schneller als ich unterwegs und interessieren sich mehr für Kurvenradien und Benzingespräche als für die Natur. Nach einem Tag auf den Lofoten war es für ihnen zu lagweilig. Für mich völlig unverständlich
Wir tauschen Erfahrungen und Erlebnisse aus und gegen 22.00 Uhr gehe ich Richtung Zelt weil ich müde bin. Dunkel wird es nicht.
Jeden Tag kontrolliere ich Emails und beantworte die wichtigsten. Das Problem mit dem Strom begleitet mich nun seit 2 Wochen und ist nicht besser geworden. Einzig und allein die Helmcamera habe ich so langsam im Griff. Ich versuche sie so zu montieren, dass ich sie während der Fahrt aufladen kann. Deswegen kommen mir die Küchen auch zugute, denn dort kann ich die restlichen Geräte aufladen.  Hier muss ich mir etwas einfallen lassen.

 


Tag 11: Frauke(NOR) - Vilhelmina(S)

 5CP3188Ich wache gegen 6.00 auf. In der Nacht hat es etwas geregnet, aber jetzt ist es trocken. Nachdem ich meine Sachen zusammengepackt habe fahre ich Richtung nach Mo i Rana und Kargen. Beide Städte liegen im Süden von Frauke aber immer noch in der Nähre des Meeres. Bei Mo i Rana passiere ich das zweite Mal den Polarkreis. Die Straße verläuft mitten durch einen einen Fjäll, eine menschenleere Hochfläche, wo außer den Bahngleisen und die Straße nichts die unberührte Natur stört.
Wie so häufig auf dieser Reise fahre ich direkt in eine Regenfront. Am Polarkreis steht wie auch in Finnland ein schickes Haus und läd zum einkehren ein. Es regnet wie aus Kübeln und arschkalt ist es nebendrein. Ich will nicht stehen bleiben, das ständige Aus- und Anziehen von Handschuhen, Helm usw. nervt. In den Mulden liegt noch Schnee, und ich versuche so schnell wie möglich durch diese karge Landschaft zu fahren.

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Nach 20 km klart es auf und das Wetter wird wieder besser. Bei Morten geht es östlich auf der 804 nach Schweden. Die letzten 3 Tage waren geprägt von einer atemberaubenden Landschaft und Dörfern wie aus dem Bilderbuch. Ab jetzt geht es durch das Innenland von Norwegen und Schweden. Je weiter ich die Küste verlasse um so einsamer wird es wieder, die Straße enger und die Bäume höher. Es erinnert mich stark an Finnland, wo ich hunderte Kilometer unterwegs war, ohne ein Auto zu begegnen. Und trotzdem gibt es einen entscheidenen Unterterschied: je weiter ich nach Süd-Osten fahre, um so mehr Bauernhöfe und Äcker / Wiesen wechseln sich mit Seen und Weiden ab.
Überhaupt sind jetzt viel weniger Rentiere und mehr Schafe und Kühe zu sehen. Und genau so ein Schaf muss mir direkt vor das Motorrad laufen. Ich bremse scharf, versuche auszuweichen und treffe mit dem Vorderrad das Schaf am Allerwertesten. Es wird durch den Aufprall auf die Seite gedrängt und läuft davon. Hui, das war knapp. Hunderte Gedanken gehen mir durch den Kopf. Was wäre wenn ich das Schaf komplett getroffen hätte und jetzt im Straßengraben samt Motorrad liege? Das ist der Nachteil wenn man alleine unterwegs ist. Wenn dir hier etwas passiert dann kann es sehr lange dauern, bis jemand dich findet. Macht es Sinn dieses Risiko auf sich zu nehmen?

Und doch bringt dich die Einsamkeit auch wieder zurück in die Realität und lässt dich erkennen, was für dich wichtig ist. Auf den langen Strecken durch menschenleere Wälder und Seenplatten hat man Zeit über das eigene Leben nachzudenken. Probleme die Zuhause unlösbar erscheinen haben plötzlich eine einfache Lösung, Dein Leben reduziert sich auf das Jetzt und Hier, und das ist gut so!
Durch die Fahrt nach Schweden komme ich meinem Ziel Stockholm immer näher. Es ist schon interessant: du fährst stundenlang durch schier endlose Wälder und mitten im Nirgendwo steht plötzlich eine riesige Spanplattenfabrik oder ein Motorradmuseum in einem kleinem Dorf. Alles scheint sich in diesem riesigen Land zu verlieren, die Distanzen von einer Stadt zur nächsten sind endlos, und am Ende ist alles relativ.

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Gegen 17.00 bin ich müde und finde direkt neben einem See einen schönen Platz zum Zelten. Das Zelt ist schnell aufgebaut und heute nehme ich mir Zeit, meine Wäsche zu  waschen. Irgendetwas ist aber heute anders. Es dauer genau einen Mückenstich bis ich es mir wieder einfällt. Was war es doch herrlich ohne diesen keinen Plagegeister! Mir vergeht die Lust zum kochen und so verkrieche mich in mein Zelt. Die Fahrt heute war anstrengend und die ungewollt nahe Begegnung mit dem Schaf liegt mir in den Knochen. Zum Glück habe ich noch 3 Pfirsiche und Müsliriegel.


Tag 12: Vilhelmina(S) - Sandsvall(S)

 5CP3199Die Nacht verlief ruhig, nur einmal hörte ich einen vorbeifahrenden LKW. Es ist noch früh, über dem See liegen leichte Nebelschwaden und es ist kalt. Mittlerweile habe ich ein richtiges Ritual am Morgen: ich packe meine Sachen zusammen und verstaue sie auf dem Motorrad. Das Zelt wird erst ganz zum Schluss abgebaut, damit es noch ein wenig trocknen kann. Gegen 07.00 Uhr starte ich der Sonne entgegen. Ich durchquere Schweden und peile Stockholm an. Das Navi funktioniert ausnahmsweise gut, ich fahre immer die kürzeste Strecke und setze die Ziele mit HIlfe der Straßenkarte. Diese Mischung aus Karte und Navi geht gut, ansonsten landet man ohne Karte immer auf den größten Straßen, und die Africa will ja artgerecht bewegt werden. Je näher ich in den Südosten fahre um so mehr hat mich die Zivilisation wieder. Immer mehr Bauernhöfe und Ortschaften säumen den Strassenrand, und immer mehr wird auch wieder der Verkehr.

Die Wiesen sind saftig grün und Landwirte gerade dabei die Wiesen zu mähen. Über kleine Straßen schlängele ich mich durch die Landschaft. Immer wieder komme ich zu kleineren und größeren Baustellen, denn im Sommer werden die Straßen instand gehalten, damit sie den nächsten Winter durchhalten. Gleich 2 mal komme ich zu Belagsarbeiten, wo die Arbeiter einfach den kompletten Belag bis auf das Schotterbett entfernen und man kilometerlang auf grobem Schotter fährt. Beim 2. Mal warte ich bei einer Ampel bis die Straße freigegeben wird. Meine Verwunderung ist groß, als ein Straßenarbeiter Fahrzeug entgegen kommt und wendet. Auf dem Fahrzeugt ist groß hinten ein Schild befestigt: “Lots. Följ mig”. In dem Moment schaltet die Ampel auf grün. Aha. Wahrscheinlich soll ich dem Fahrzeug folgen.  Ich fahre also brav hinter dem Fahrzeug her, auch wenn es mal nach auf die linke, mal auf die rechte Strassenseite wechselt, um mich durch die Baustelle zu lotsen. Dafür ich bin auch sehr dankbar, denn der Schotter ist grob und locker. Die Spurrillen tun ihr weiteres dazu um die Fahrt interessant zu machen.

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Am spätem Nachmittag komme ich in die erste größere Stadt seit Tagen: Sundvall. Ich kann mich nicht abhalten, im ersten großen Einkaufszentrum shoppen zu gehen! So gefreut habe ich mich schon lange nicht mehr, doch leider sind die Augen viel größer als meine Gepäcktaschen und ich komme mit viel zuviel Nahrung zurück. Ich weiß gar nicht wohin mit dem Ganzen. Nach langem hin und her bekomme ich es doch unter und suche mir eine Herberge. Heute bleibe ich auf einem Campingplatz, der Luxus einer Küche ist unwiderstehlich.

Bei Stockvik finde ich einen Campingpatz direkt am Meer. Ich kann mit dem Motorrad und Zelt direkt am Strand bleiben. Neben mir zeltet auch ein Paar aus der Schweiz. Sie sind mit dem Fahrrad und Zug unterwegs und haben sind die Ostküste von Dänemark bis Schweden geradelt! Respekt! Bei allen Menschen die ich begegne spüre ich ein besonderes Gefühl, das Gefühl des frei Seins, der Lust nach Abenteuer, die Flucht vom Alltag. Es geht mir ganz ähnlich...

 


Tag 13: Sandsvall(S) - Stockholm(S)

Heute ist der letzte Tag vor Stockholm. Es sind noch ca. 300 km bis Stockholm, also lasse ich mir Zeit. Gegen 09.00 juckt es dann doch und ich breche auf. Ich freue mich auf Stockholm, nicht wegen der Stadt, sondern auf meine Familie. Wir möchten einige Tage dort verbringen, bevor sie zurückfliegen und ich mit dem Motorrad zurückfahre.
Die Fahrt ist nicht interessant, denn die kürzeste Strecke zwischen Sandsvall und Stockholm ist eine Schnellstrasse, auch wenn ich die kürzeste Strecke wähle. Ich habe auch keine Lust mehr, einen Umweg zu machen. Nach mahr als 2 Wochen fehlt mir meine Familie schon. Mit Navi gestaltet sich die Wohnungssuche ziemlich einfach, doch vom Vermieter ist keine Spur. Nach mehrmaligen Anrufen und SMS kommt er endlich, nachdem ich über 2 Stunden auf ihn gewartet habe. Die Wohnung ist OK. Am Abend kommen Brigitte und Carolyn direkt vom Flughafen und ich hole sie auf der Bushaltestelle ab. Schön wenn man die Familie wieder in den Armen halten kann.

 


Tag 14-16: Stockholm

Stockholm 1.psdDie nächsten Tage verbringen wir in Stockholm, wo wir die Innenstadt besichtigen. Durch die vielen Kanäle wird Stockholm auch das Venedig des Nordens genannt, was auch zutrifft. Es gibt dort einige Museen und Sehenswürdigkeiten, aber am meisten gefallen hat uns die Waasa.

Das größte Kriegsschiff der Schweden war auf seiner Jungfernreise nach einer halbe Stunde auf See direkt vor dem Stockholmer Hafen gesunken. Grund war wie so oft ein Konstruktionsfehler, da sie zu schmal und zu hoch gebaut wurde. Hunderte Jahre blieb das Wrack vergessen und verschollen, bis sie von Tauchern geborgen wurde und aus den Einzelteilen wieder zusammengesetzt wurde. 98% des Schiffes sind noch original, es wurde wegen der Waasa eine eigene Halle gebaut, um das ganze Jahr konstante Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu haben.

Auf Anraten der beiden Frauen in Andenes buchen wir einen sogenannten Ghostwalk. Normalerweise bin ich nicht ein Freund von Stadtbesichtigungen, aber der Ghost Walk ist anders. Unser Tour Guide ist im Stil des 17. Jahrhunderts gekleidet und führt uns nicht zu den touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern in dunkle Hinterhöfe, erzählte über Mord und Totschlag und wie die Pest einen Großteil der Stockholmer Bevölkerung ausrottete. Es ist sehr interessant, auch weil der Guide ein guter Theaterspieler ist.
Das Leben in Stockholm ist teuer. Ein dezentes Abendessen für 3 Personen kostet 70€. Wir sprechen darüber auch mit einigen jungen Leuten, wie sie es schaffen, über die Runden kommen. Viele der Jungen Erwachsenen leben auf Kredit oder versuchen so wenig wie auszugehen. Meistens bleiben sie zuhause und feiern daheim. Ein fader Beigeschmack eines Landes, das ich sonst sehr schön empfunden habe.

Ich buche den Autozug von Hamburg nach München, denn es ist schlecht Wetter vorausgesagt. Außerdem habe ich kein Interesse, die 1000 km in Deutschland nur auf Autobahnen runterzuspulen.

 


Tag 17-18: Stockholm(S) - Plaus(I)

Nach einigen Tagen in Stockholm bereiten wir uns auf die Heimfahrt vor. Brigitte und Carolyn nehmen das Flugzeug, ich die 2 Räder. Beim Packen merke ich dass mir jemand die Koffer aufgebrochen hat. Die Schlösser sind verbogen, aber Gott sei Dank waren die Koffer davor schon leer. Das Motorrad steht direkt neben einem Kindergarten, eigentlich eine sichere Gegend. Schien zumindest so.
Ich packe die Sachen zusammen und starte in der Früh Richtung Dänemark. Das Wetter ist schön, aber die Straßen breit und gerade. Ich fahre im direkten Weg Richtung Dänemark und will auf dem schnellsten Wege nach Deutschland. Es ist eine Kaltfront angesagt und ich will nicht die letzten Tage im Regen fahren. Außerdem war ich so lange noch nie von Zuhause weg, deswegen versuche ich auf schnellsten Wege durch Schweden durch und nach Dänemark zu kommen. Wie so oft vergeht mir in solchen Momente du Lust, Fotos zu machen, auch nicht von der Öresund Brücke zwischen Schweden und Dänemark.
Den ganzen Tag fahre ich mit Seitenwind und es ist schwierig gerade aus zu fahren. Ich habe bisher noch nie ein so überfülltes Land wie Dänemark gesehen. Die Straße durch Kopenhagen ist 5 spurig, trotzdem geht es nur im Schrittempo voran. Mein Ziel ist Rodbyhavn, von wo aus die Fähre nach Puttgarden startet und ich mir den Umweg um Dänemark herum erspare. Sie fährt 24 Stunden durch, also ist auch die Ankunftszeit nicht wichtig. Aber heute hat sie 1 Stunde Verspätung bis mein Motorrad und ich im Bauch des Schiffes verschwinden. Mit mir warten auch viele LKW’s, einige PKW’s und ein Paar aus Deutschland mit Motorrad. Ich dachte mir immer, den Seitenwind spüre nur ich, aber bei der Überfahrt werde ich eines besseren belehrt: etliche Male knallt es regelrecht und die Fähre neigt sich zur Seite. Mir wird schon ein wenig mulmig, aber der Capitän wird schon wissen.
Nach einer Stunde komme ich in Puttgarden an. Endlich wieder verständliche Straßenschilder. Ich fahre noch 30 km bis ich mir einen Campingplatz suche. Es ist bereits 20.00 Uhr und meine Suche gestaltet sich schwierig. Nicht, weil ich keinen Camping Platz finde, sondern weil bei den meisten die Rezeption bereits geschlossen ist. Der 3. Versuch gelingt endlich und ich bekomme einen Zeltplatz zugewiesen. Die ausgeschilderte Küche finde ich auch nach mehreren Anläufen nicht, das Wetter ist schlecht, es ist kalt und die Sanitärräume sind gefühlte Kilometer vom Zeltplatz entfernt. Zeit nach Hause zu kommen, ich fange zu viel zu jammern an!
Der nächste Tag beginnt wie der letzte aufgehört hat: es ist regnerisch, kalt und die Sanitärräume sind immer noch gleich weit entfernt. Vom Campingplatz bis Hamburg sind es 150 km. Ich packe meine Sachen zusammen und mache mich auf dem Weg. Der Regenanzug ist mein ständiger Begleiter, es regnet in Strömen. Erst in Hamburg angekommen wird es ein wenig besser. Ich komme viel zu früh am Bahnhof Hamburg Altona an. Das ist mir jetzt aber egal, bei diesem Wetter traut sich keine Sau aus dem Haus. Ich parke mein Motorrad direkt beim Eingang der Verladestation und erkunde die nähere Umgebung. Im Bahnhof sind Bänke und viele Restaurants und Kiosks, aber nichts überzeugt mich. Erst nach längerer Suche entscheide ich mich für ein Brot. Es ist auch nicht der Hit... Während der Wartezeit kommen immer mehr Motorrad Fahrer an, die den Autozug Richtung Süden benutzen. Auch ein Südtiroler, der seit über 30 Jahren in Hamburg wohnt, will mit seinem Trike nach Südtirol. Er erzählt mir ein wenig die Geschichte Altonas, als es noch ein heruntergekommenes Viertel von Hamburg war und Touristen es tunlichst vermeiden sollten. Deswegen die vielen Bettler und Obdachlosen...
Gegen 18.00 beginnen die Arbeiter die Fahrzeuge zu verladen. Aber die Verladerampe für unseren Zug streikt und erst nach einer halben Stunde bewegt sich das Teil. Endlich können wir auf den Zug fahren. Die Fahrt mit dem Zug ist entspannend, vor allem weil es draußen immer wieder regnet und ich im trockenen bin! Ich bin in einem 6 Personen Abteil mit dem Südtiroler und seiner Frau. Wir reden ein wenig über die derzeitige Situation in Deutschland, finden aber wenig Gemeinsamkeiten. Gegen 23.00 schlafe ich ein und wache wieder um 06.00 vor München auf. Die ganze Nacht hat es geregnet. Es war eine gute Entscheidung den Reisezug zu buchen. So habe ich 1000 km Autobahn gespart.
In München regnet es, und so versuche ich so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Die Strecke von Garmisch Partenkirchen über dem Fernpass und Imst kenne ich bereits, und so fahre ich die schnellste Strecke über dem Reschenpass nach Hause. Erst ab dem Reschenpass wird das Wetter besser und meine Stimmung steigt wieder. Alles im Allen war es eine wirklich gelungene Reise mit Höhen und Tiefen, aber genau das hatte ich gesucht und auch gefunden!

 

Zusammenfassung:

Die Vorbereitungen dauerten mehrere Monate, wobei ich aber nur die Fähre Tallinn - Helsinki und die Walsafari buchte. Der Rest wurde auf der Reise entschieden.
Vor der Reise wurden noch einige Arbeiten an meinem Motorrad gemacht:
  • Reifen gewechselt: War nicht nötig, die Heidenau K60 Scout würden noch einmal soweit kommen!
  • Öl, Filter, Zündkerzen gewechselt, Vergaser und Ventilspiel eingestellt
  • Regler gewechselt und Stecker entfernt
Die Africa Twin hat mich auf der ganzen Reise nie im Stich gelassen und war immer zuverlässig. Ganz egal ob Asfalt oder Schotter, sie hat alles ohne murren mitgemacht!
Reisedetails:
Tag 1: Plaus (IT) Kesztheli (HU) 631 km  Ubersicht
Tag 2: Kesztheli (HU) Tarnow (PL) 595 km 
Tag 3: Tarnow (PL) Alytus (LT) 729 km 
Tag 4: Alytus (LT) Tallinn (EST) 761 km 
Tag 5: Tallinn (EST) Juensuu (FIN) 445 km
Tag 6: Juensuu (FIN) Korvala (FIN) 818 km
Tag 7: Korvala (FIN) Olderfjord (NOR) 818 km
Tag 8: Olderfjord (NOR) Andenes (NOR) 580 km
Tag 9: Andenes (NOR)   50 km
Tag 10: Andenes (NOR) Fauske (NOR) 383 km
Tag 11: Fauske (NOR) Vilhelmina (S) 500 km
Tag 12: Vilhelmina (S) Sundsvall (S) 317 km
Tag 13: Sundsvall (S) Stockholm (S) 413 km
Tag 14: Stockholm (S)    
Tag 15: Stockholm (S)    
Tag 16: Stockholm (S) Fehmarn (D) 883 km
Tag 17: Fehmarn (D) Hamburg (D) 156 km
Tag 18: München (D) Plaus (IT) 285 km

Insgesamt bin ich  ca. 8000 km gefahren, größtenteils auf Asphaltstraßen, im Osten Finnlands Schotter- bzw. Erdstraßen.

Die gesamte Reise hat ca. 2.500 € gekostet, wobei die 4 Tage Stockholm am teuersten gewesen sind. Der Benzin ist in den nordischen Staaten gleich teuer wie bei uns und in den baltischen Staaten ein wenig günstiger.